Geschichte

Von den Bourbonen zur Demokratie

Der Niedergang Sevillas endete erst nach dem Spanischen Erbfolgekrieg (1700-1714). Dieser Krieg brach aus, nachdem Carlos II. seine Krone dem Bourbonen Felipe von Anjou und nicht einem Habsburger zuschrieb. Da die europäischen Königshäuser einen französischen Machtzuwachs fürchteten, waren sie nahezu alle an diesem Krieg beteiligt. So eroberten die Briten im Jahr 1704 Gibraltar, das bis heute britisch blieb. Letztendlich setzten sich aber die Bourbonen durch. Sie förderten Wissenschaft, Gewerbe und Handel, letzteren auch durch ein gewaltiges Schiffbauprogramm. Unter Carlos III (1759-1788) wurde auch die Inquisition eingeschränkt.

Unter seinen Nachfolger Carlos IV. wird das Land zu einem Spielball Napoleons. Im Jahr 1805 verliert Andalusien seine gerade neu erbaute Flotte als Verbündeter Frankreichs in der >> Schlacht von Trafalgar gegen Admiral Nelson. Als die Franzosen Spanien im Feldzug gegen Portugal als Aufmarschgebiet benutzten und in Madrid einmarschierten, kommt es im Jahr 1808 zum Spanischen Unabhängigkeitskrieg (-1814). In Cádiz sammelten sich die aus Madrid geflohenen Politiker; hier wurde auch eine liberale Verfassung erarbeitet und im Jahr 1812 verkündet. Viele ihrer Ideen wurden später von anderen liberalen Regierungen aufgegriffen, aber in Spanien wurde sie von dem aus französischer Gefangenschaft zurückgekehrten Fernando VII. nicht anerkannt; vielmehr wurden die bürgerlich-liberalen Bemühungen unterdrückt. Nach seinem Tod flammten diese Gegensätze zwischen Monarchisten und Liberalen in den Karlistenkriegen (1834-1839, 1847-1849 und 1872-1876) immer wieder auf.

Entscheidend für die weitere Entwicklung des Landes war der ab 1835 beginnende Verkauf von Kirchen- und Gemeindeland, um die Staatskassen aufzufüllen. Das neben dem Großgrundbesitz  existierende kollektiv bearbeite und genutzte Gemeindeland war bis dahin die Existenzgrundlage der Bauern. Mangels Geld hatten sie keinerlei Möglichkeiten, beim Verkauf mitzubieten. So waren sie praktisch über Nacht zum rechtlosen Tagelöhnern geworden und litten unter bitterer Armut. Meist waren sie nur wenige Monate im Jahr zu Hungerlöhnen beschäftigt. Kein Wunder also, daß es Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem blühenden Banditenwesen kam. Überfälle auf die Landsitze der Reichen, Diebstahl der Ernte und Auflauern der Handelstransporte waren das Markenzeichen der bandoleros, die oftmals einen Robin-Hood-ähnlichen Ruf genossen und auf Sympathie und Komplizenschaft in weiten Teilen der Bevölkerung zählen konnten. Im Jahr 1844 wurde als Reaktion hierauf die Guardia Civil, eine paramilitärische Polizeitruppe gegründet. Sie machte den Banditen bald den Garaus und spielte auch eine außerst unrühmliche Rolle bei den blutigen Niederschlagungen der Landarbeiteraufstände in den Jahren 1857 und 1861. Politisch fanden die Ideen des russischen Anarchisten Bakunin große Verbreitung unter den Landarbeitern Andalusiens.

Im Jahr 1868 wurde die Monarchie gestürzt, aber schon 1874 wurde nach einem konservativen Staatsstreich erneut die Monarchie installiert. Der Versuch einer Industrialisierung Andalusiens hatte angesichts der überlegenen katalanischen und asturianischen Industrien keine Chance, und so setzt das andalusische Kapital vor allem auf Landbesitz und Agrarproduktion, angewiesen auf die Verfügbarkeit billiger Tagelöhner. Diese organisieren sich in Andalusien besonders in der 1910 gegründeten anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT, die die radikale Umwälzung der Eigentumsverhältnisse auf dem Land fordert. Im Zuge der russischen Oktoberrevolution kommt es auch in Andalusien zu Unruhen und Streiks, worauf im Jahr 1919 eine komplette Division nach Andalusien gesandt und der Ausnahmezustand verhängt wurde. Die unruhigen Jahre bis 1923 endeten mit der Diktatur des Generals Miguel Primo de Rivera. Spaniens Neutralität im ersten Weltkrieg hatte dem Land einen wirtschaftlichen Aufschwung beschieden, und der in Jerez de la Frontera gebürtige Rivera wollte dem Land etwas von seinem früheren Glanz zurückgeben. Sein Lieblingsprojekt wurde die für 1929 geplante Ibero-Amerikanische Ausstellung in Sevilla, für die eine Reihe Bauten wie das Hotel Alfonso XIII. und die Ausstellungsgebäude am Plaza de America erstellt wurden. In dem Maße, in dem der wirtschaftliche Wohlstand jedoch wieder schwand, wuchs auch die Opposition gegen Primo de Rivera, bis dieser schließlich 1930 zurücktrat.

Bürgerkrieg und Diktatur

Bei den Gemeindewahlen und den Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung im Jahr 1931 siegten die Republikaner. Spanien wurde eine repräsentative Demokratie, die Umsetzung einer Agrarreform verzögert sich jedoch. Bei den Wahlen im Jahr 1933 bleiben die Anarchisten den Urnen fern, es siegten die Rechten, die die Reformen umgehend wieder zurücknahmen. Es kam zu schweren Unruhen und schließlich zur Auflösung des Parlaments; bei den Wahlen 1936 siegten die zur Volksfront zusammengeschlossenen Linksparteien. Deren Agrarreform konnte nicht mehr umgesetzt werden, denn im Juli kam es zum Aufstand der Generäle Franco und Mola, dem Beginn des spanischen Bürgerkriegs.

Franco, der mit Legionären und Truppen aus Spanisch-Marokko von Cádiz aus nach Norden vorstieß, konnte Westandalusien fast ohne Widerstand einnehmen, während die Republikaner Ostandalusien zunächst halten konnten. Die Aufständischen wurden von Deutschland (Legion Condor) und Italien militärisch unterstützt, die Regierung von Frankreich, der UdSSR und internationale Freiwilligen-Brigaden. 1939 endete der Krieg, der Millionen das Leben kostete, die Franco-Diktatur begann. Während der Diktatur waren die andalusischen Großgrundbesitzer eine der Stützen General Francos. Sie verkauften ihre Produkte auf dem Schwarzmarkt und machten dabei riesige Gewinne. Die Produktion in der Landwirtschaft wurde mechanisiert, die Landarbeiter waren dadurch zur Emigration gezwungen. Zunächst gingen sie in den Norden, nach Madrid oder Barcelona etwa. Ab 1953 wurde die außenpolitische Isolation der Diktatur durchbrochen, die USA schlossen ein Stützpunktabkommen mit Spanien. In der Folge emigrierten die Andalusier auch ins Ausland, meist nach Frankreich, in die Schweiz oder nach Deutschland. Insgesamt verließen mehr als 1 Million Andalusier bis Mitte der 70er Jahre ihre Heimat, andere fanden Arbeit als Bauarbeiter oder Kellner an der Costa del Sol, wo in den 60er Jahren der Tourismus-Boom begann.

Andalusien heute

Nach Francos Tod im Jahr 1975 begann die transición, der Übergang zur Demokratie. Der noch von Franco als sein Nachfolger bestimmte heutige König Juan Carlos leitete die ersten Schritte ein, von der Zulassung der Sozialistischen Arbeiterpartei und der Kommunistischen Partei sowei freien Wahlen im Jahr 1977. Bei einem Putschversuch im Jahr 1981 trat Juan Carlos den Putschisten entschlossen entgegen - was dem König noch heute in Spanien hohes Ansehen einbringt. Andalusien ist seit 1981 autonome Region des nun demokratischen Spaniens; 1982 gewann die Sozialistische Arbeiterpartei PSOE (eine sozialdemokratische Partei) unter dem Sevillano Felipe González die Wahlen. Ebenfalls 1982 wurde Spanien in die NATO, 1986 in die EG aufgenommen.

Andalusien wurde, wohl vor allem wegen seiner sozialen Probleme, aber auch wegen der Rolle Felipe González’ als Ministerpräsident, ein Bollwerk der Sozialistischen Arbeiterpartei PSOE. 1984 gab es eine Agrarreform, zur Enttäuschung der Radikalen ändert sie jedoch kaum etwas an den Eigentumsverhältnissen, sondern setzte in erster Linie auf Produktivitätssteigerungen - Andalusien soll das "Kalifornien Europas" werden. Dennoch konnte sich die PSOE, die seit 1996 bei landesweiten Wahlen in Andalusien nicht mehr die stärkste Partei war, regional an der Regierung halten - nicht zuletzt ein Verdienst des seit 1990 regierenden Manuel Chaves: Auch wenn die Arbeitslosigkeit mit 18 Prozent immer noch überdurchschnittlich hoch ist, ermöglichten EU-Gelder Andalusien den Aufbau einer Infrastruktur aus neuen Bahnlinien - zuletzt wurde im Jahr 2008 Málaga an Hochgeschwindigkeitstrasse Madrid-Sevilla angeschlossen -, neuen Straßen und modernen Flugplätzen; ein Aufbau, der auch von Großereignissen wie der Weltausstellung EXPO 1992 in Sevilla gefördert wurde; und die Einführung einer Arbeitslosenversicherung für Landarbeiter, mit der in den 1980er und 1990er Jahren die schlimmste Armut beseitigt werden konnte. (Andererseits machten europäische Subventionen die Großgrundbesitzer noch reicher.) Der Tourismus blüht und wird wirtschaftlich immer bedeutender - auch dies eine Entwicklung mit Schattenseiten, denn immer mehr Andalusier wandern an die Küste; eine Entwicklung, die die Regionalregierung mit einer Förderung des turismo rural (des ländlichen Tourismus) stoppen möchte.

Betroffen ist Andalusien auch in besonderem Maße von Flüchtlingen aus Afrika: Jährlich kommen etwa 45.000 Menschen nach Andalusien, oft von illegalen Schleusern in der Nacht aus kleinen Booten am Strand abgesetzt. Viele bezahlen den Versuch der Überfahrt auch mit dem Leben.

 © Jürgen Paeger 1993 - 2008